Losung für heute

Donnerstag, 23. Februar 2012
Fürchte dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden.
Christus spricht: Wenn man euch abführt und vor Gericht stellt, dann sorgt euch nicht im Voraus, was ihr reden sollt, sondern was euch in jener Stunde eingegeben wird, das redet. Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der heilige Geist.


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Jesus Christus spricht: 


"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig".


2. Korinther 12,9


Es ist Samstag, früher Abend. Ich freue mich auf einige gemütliche Stunden mit meiner Frau. Das Telefon klingelt. Eine mir entfernt bekannte Frau ist am Apparat. Ihr Vater wurde heute Nachmittag ins Krankenhaus eingeliefert. Es stehe schlecht um ihn. Intensivstation. Man wisse nicht, ob es noch lange geht. Sie sagt es nicht direkt, aber ich spüre, dass sie sich über einen Besuch freuen würde. Das ist noch zu schwach gesagt. Sie wünscht es sich von Herzen. In dieser Situation zwischen Tod und Leben, in dieser Bedrohung und Angst, in der Unsicherheit und Ratlosigkeit wünscht sie sich und ihrer Familie jemanden, der da ist. Nicht nur medizinische, sondern auch geistliche Hilfe. Damals bin ich der Pastor der Gemeinde, zu der ihre Eltern gehören, und wir kennen uns von Besuchen. Nicht besonders gut, denn ich bin erst seit einem Jahr in der Gemeinde tätig, aber wir sind uns schon begegnet.



Es scheint dringlich zu sein. Die Zeit rinnt. Ich habe zwar keine Lust zu fahren und könnte mir die nächste Stunde anders vorstellen, als im Krankenhaus zu verbringen. Aber dann entscheide ich mich doch dafür, jetzt gleich zu fahren. Ich spüre, dass es so sein soll. Außerdem ist das Krankenhaus nur fünf Minuten entfernt. Ich bin schnell dort und frage mich durch die endlosen Gänge, Etagen und Flure. Als Seelsorger bekomme ich Zugang zur Intensivstation. Bedrückende Enge, Schläuche, Verwandte, ein geistig abwesender Patient, bedrückte Stimmung. Ich erkundige mich nach der Situation. Nach kurzer Zeit fühle ich mich zunehmend unwohl und – das ist das Schlimmste – überflüssig. Wir sitzen dort und es entstehen Momente, in denen keiner spricht. Diese Stille ist mir unangenehm. Mir wird kalt und heiß. Was mache ich



 hier? Warum bin ich eigentlich nicht zu Hause geblieben? Irgendwann ringe ich mich durch, lese ein Bibelwort und bete. Meine Worte kommen mir entsetzlich vor, ärmlich und überflüssig. Was erreicht den kranken Vater? Was erreicht die Angehörigen? Ich empfinde, dass gar nichts ankommt. Ich fühle mich nicht nur überflüssig sondern sogar störend, weil ich gar keine Stütze sein kann. Vielleicht wäre es nicht nur für mich, sondern auch für sie besser gewesen, zu Hause zu bleiben.

Ich überstehe den Besuch, schließe ihn ab, fahre nach Hause und lebe mit dem diffusen Gefühl weiter, meinen Beruf verfehlt zu haben. Einige Tage später stirbt der Vater. Nach der Beerdigung ergibt sich ein Gespräch mit den Angehörigen; wir unterhalten uns über dies und jenes. Sie kommen auf meinen Besuch im Krankenhaus zu sprechen. Ich höre die Worte, die ich erst gar nicht fassen kann. „Ihr Besuch im Krankenhaus in diesen ersten Momenten, als wir so haltlos waren, der war ganz wichtig für uns. Sie haben uns sehr geholfen. Sie waren nah bei uns und waren eine Stütze. Vielen Dank.“ Ich bin mir zuerst nicht sicher, wie ich das verstehen soll. Ist das ironisch gemeint? Wollen die mich auf den Arm nehmen? Oder wollen sie mich ein wenig trösten, weil sie sehen, wie ich mich fühle? Ich sitze mit heruntergefallenem Unterkiefer vor ihnen. Irgendwann merke ich, dass sie das wirklich ernst meinen! Sie haben das so erlebt! Es war tatsächlich wichtig für sie, dass ich diesen Besuch machte. Sie haben ihn offenbar ganz anders erlebt als ich. Nähe, Wort Gottes und Gebet war für sie nicht hilfloses Stammeln, sondern Stärkung von Gott.

Schlagartig wird mir klar, dass Gott mir gerade eine Lektion erteilt hat. Er gibt mir zu verstehen, dass er, der starke Gott, in den Schwachen mächtig ist. Es ist nicht nötig, dass ich selbstsicher daherkomme, denn das wird schnell zum Stolzieren. Es ist nicht nötig, routiniert seine Bibelverse aufzusagen, denn das wird schnell zum Abspulen hohler Phrasen. Es ist nicht nötig, immer souverän zu wissen, was gerade dran ist, denn das verringert die Abhängigkeit von Gott.

Ähnliches habe ich immer wieder erlebt. Dabei war es niemals angenehm, sich schwach zu fühlen. Schwachheit tut weh. Was es bei Paulus war, als er den Korintherbrief schrieb, wissen wir nicht genau. Irgendeine Krankheit oder Schwäche machte ihm zu schaffen. Und – aufgemerkt! – er wurde sie nicht los. Im Gegenteil: Mitten in dieser Schwachheit verherrlicht sich Gott. Das ist nicht angenehm. Aber es ist real. Und gerade das lässt mich staunen. Wie oft habe ich mich auf Reisen, bei denen ich weltweit Missionare und Partnerkirchen besuchte, völlig überfordert gefühlt! Wie oft dachte ich, dass meine Worte und Ratschläge zu schwach seien. Und sie waren es auch. Das geht mir bis heute so. Ich lebe nicht mit dem Selbstbewusstsein, immer das rechte Wort zur rechten Zeit zu haben. Das Wunder schenkt Gott selbst. Er hat es dann doch geschafft, dass die Besuche hilfreich wurden und die Worte durch Herzen gingen. Ich staune bis heute, wenn mir Menschen sagen, dass ihnen mein Wort zum Wort wird, durch das Gott spricht. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

In manche Sitzung oder Begegnung bin ich gedankenlos oder selbstsicher hineingegangen. Und sie endete mit mehr Fragen als Antworten. In andere bin ich voller Unsicherheit und mit zitternden Knien gekommen. Das trieb mich ins Gebet. Und Gott half, zeigte Wege auf. Selbst größte Hindernisse konnten genommen werden. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Jede Predigt, jedes Gespräch, in dem ich Jesus bezeuge, jede echte geistliche Arbeit ist so geartet. Und das ist gut. Es gibt eine tödliche Professionalität in der Gemeinde. Sie meint, es wäre schon genug, Gemeinde zu managen und zu organisieren. Das ist aber nicht genug.

Apropos „zitternde Knie“. Die sind ebenfalls unangenehm. Aber sie weisen uns darauf hin, dass es jetzt gut ist, auf die Knie zu gehen. Knien ist ein Ausdruck von Schwachheit und Unterwerfung. Vielen Menschen ist diese Haltung fremd, innerlich und körperlich. Und doch ist sie der Anfang erstaunlicher Erfahrungen, die jenseits des menschlich Machbaren liegen. Wer vor Gott kniet, der kann aufrecht vor Menschen stehen. Wer in seiner Schwachheit kniet, wird, wenn er aufsteht, Gottes Kraft erleben.

Ansgar HörstingAnsgar Hörsting

Präses im Bund
Freier evangelischer Gemeinden Deutschland